Grauschwarz

Ich höre sie ihren Namen buchstabieren.
P i a M a l o w s k i
Pia Malowski setzt es sich in meinem Kopf zusammen. Die Journalistin sitzt ihr gegenüber und notiert gewissenhaft den Namen, als würde sie ihn noch einmal mit dem Stift buchstabieren. P i a M a l o w s k i. Keine Information darf Fehler enthalten, denn diese könnten Erregung bei den Menschen auslösen. Nichts darf darauf hindeuten, dass die Welt flexibel ist. Die Journalistin beherrscht ihren Beruf. Sie scheint sehr korrekt zu sein, doch lässt sich, in Anbetracht der Person, die ihr gegenüber sitzt, eine gewisse Nervosität erahnen, die sie selbst nicht zu spüren scheint, aber dem Betrachter durchaus bewusst wird. Ihr Körper wirkt zwanghaft ruhig gestellt und sie sitzt etwas zu aufrecht auf dem Stuhl.
Pia Malowski zündet sich eine Zigarette an. Sie trägt einen grauen Rollkragenpullover, nichts besonderes. Ich beobachte ihr Gesicht in dem großen Spiegel hinter dem Holztresen. Ich selbst sitze fest auf meinem Barhocker, auf dem ich für gewöhnlich immer um diese Zeit sitze und traue mich nicht, mich umzudrehen, da dies eventuell die Aufmerksamkeit der beiden auf mich lenken könnte und sie dann eventuell versucht wären, leiser zu reden. Aber ich will ja die ganze Geschichte hören, kenne ich doch bislang nur ein paar Gerüchte über Pia Malowski. Und so gebe ich mich mit dem Spiegelbild der beiden zufrieden und versuche weiterhin möglichst nur Barhocker für die beiden zu sein. Mein Blick hängt starr am Spiegel, noch einen Kaffee, sage ich beiläufig.
Die Journalistin fragt Pia Malowski, was sie zu dieser Tat veranlasst hätte. Pia Malowski zieht an ihrer Zigarette, ich halte mich an der Kaffetasse fest, vergesse aber das Trinken und sie fängt an, zu erzählen.

»Wissen sie. Ich weiß es auch nicht mehr so genau und kann auch nur schwerlich eine Ursache für das, was passiert ist, ausmachen. Es war ein Tag wie jeder andere. Keinerlei Besonderheit. Es war der 03. August, wobei das Datum keinerlei Rolle spielt. Es ist doch egal, welcher Tag, welcher Monat. Ich glaube, dass es ein Mittwoch war. Vielleicht auch ein Sonntag. Egal. Der Tag war genau wie jeder andere in den letzten 20 Jahren. Es fiel wie auch sonst jeden Tag dieser Nieselregen. Dieser Regen, der nichts so richtig nass macht, aber über alles diesen Schleier legt. Nichts erscheint mehr klar und kräftig. Man möchte nirgends so richtig verweilen. Dieser Nieselregen, der uns anfangs noch aufgeregt hat, aber an den wir uns gewöhnt haben, gegen den keiner mehr etwas hat. Es war also alles wie immer. Seit 20 Jahren, täglich 24 Stunden dieser Nieselregen. Ich war auf dem Weg zur Arbeit. Hatte meinen schwarzen Mantel an, den Regenschirm aufgespannt. Die Menschen um mich herum blickten die meiste Zeit zu Boden, so auch ich. Wie immer. Es ist so angenehmer. Der Regen läuft einem nicht so durch das Gesicht. In den Pfützen spiegelten sich die grauen Fassaden. Eine Sache war zumindest ein wenig besonders, aber auch nicht außergewöhnlich. Ich erinnere mich, an diesem Tag ein Rotkelchen gesehen zu haben. Von denen gibt es ja nur noch sehr wenige. Es saß stumm auf einer Laterne, kein Laut. Es wirkte in dieser Umgebung ganz blass und krank. Die Vögel haben ja aufgehört zu singen, wissen sie. Ich weiß noch, dass ich für einen kurzen Moment Bilder im Kopf hatte. Bilder von der Zeit, als es noch überall Vögel gab. Aber ich wurde durch das Hupen eines Autos aus meinem Tagtraum gerissen. Was auch besser war, denn sie wissen ja, wie gefährlich es ist, diese Träume zu haben. Um nicht aufzufallen, ging ich schnell weiter.«

Es wird kurz still. Pia Malowski zieht an ihrer Zigarette. Mit leerem Blick sitzt sie da. Die Journalistin schreibt ruhig die wichtigsten Punkte auf. Sie bestellen zwei Kaffee. Das erinnert mich an meinen und ich nehme einen Schluck. Ich muss plötzlich daran denken, wie sich die Welt verändert hat. Es begann mit diesem Regen, von dem Pia Malowksi sprach. Der war mir gar nicht mehr so bewusst. Anfangs wunderten sich die Menschen und haben noch Fragen gestellt. Doch mit der Zeit ließen sie sich von der Stimmung vereinnahmen. Auch als nach drei oder vier Jahren herauskam, dass die Regierung diesen Regen veranlasst hatte, kam es kaum zu Protesten. Die Wenigen, die aufbegehrten, wurden verhaftet und nie wieder gesehen. Mit der Zeit wurden von der Regierung neue Regelungen erlassen, mit dem Ziel, das Leben auf eine Emotion zu beschränken. Sie mussten aus dieser Absicht auch kein Geheimnis machen, da es den meisten Menschen egal war oder falls sie doch an Regelungen zweifelten, waren es gleichzeitig diese, die sie gleichgültig werden ließen. Es verschwand zu erst die fröhliche Musik und es wurden strenge Regeln zur Wirkungsweise von Musik erlassen. Ähnlich erging es auch den anderen Künsten. Bücher, die unterhalten, wurden verboten. Die Bibel wurde gekürzt und die Hoffnung aus der Welt gestrichen. Erst waren es nur die kräftigen Farbtöne, die getilgt wurden, doch später folgten alle Farbtöne. Seit dem ist alles grau, schwarz und weiß. Die letzten Parks haben sie eingemauert und große Warnschilder aufgestellt. Wir entwickelten eine solche Angst vor diesen Gebieten, dass sich keiner mehr hinein traut. Die Dinge sind uns bewusst, doch wir können nichts dagegen tun. Die Gleichgültigkeit beherrscht uns und wir wissen es. Wir können darüber reden, aber es ändert sich nichts. Und für den Fall, dass jemand schwach werden sollte, gibt es die Polizei, die einen ständig bewacht und beobachtet. Sie achten darauf, dass niemand gegen die Regeln verstößt. Aber wer sollte das auch tun. Seit über 15 Jahren ist nichts mehr passiert. Kein Mensch wurde verhaftet, niemand hat Probleme gemacht. Keine einzige Straftat, nur Frieden.

Pia Malowski trinkt einen Schluck Kaffee. »Aber was hat sie nun zu dieser Tat veranlasst?«, Fragt die Journalistin und ich bin wieder ganz aufmerksam. »Es geht ja auch darum, andere Menschen zu warnen, dass ihnen nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie ihnen, Pia Malowski.«

»Wie gesagt, hatte ich diesen Tagtraum und eigentlich kennen wir ja alle genügend Methoden, um damit umzugehen, aber ich blieb dann doch in Gedanken verloren und mich ereilten Gefühle, die ich nicht mehr kannte. Ich trottete weiter durch die Gegend. Betrachtete an einer Kreuzung mein Gesicht in einer Pfütze. Es war wie immer, neutral und blass. Ich musste mir also keine Sorgen machen, dass mir irgendjemand etwas ansehen würde. Ich lief weiter und kam zufällig in einen Hinterhof. Ich weiß nicht mehr warum, aber ich ging durch diese eine Tür und bahnte mir einen Weg durch das Gebäude. Aus einem Raum kam ein Lichtschimmer, ein sehr merkwürdiger Lichtschimmer. Ich versuchte mich leise zu nähern und als ich an der Tür ankam blickte ich vorsichtig durch den Türrahmen. Was ich dort sah schockierte mich im ersten Augenblick. Es wurde dort ein Film projiziert, allerdings einer von diesen alten verbotenen Farbfilmen. Es war eine Frau in einem roten Kleid vor einem gelben Haus zu sehen, der Himmel tiefblau im Hintergrund. Ich habe mich so erschrocken, dass ich einfach weg gerannt bin.«

Die Journalistin unterbricht sie. »Aber warum haben sie diesen Vorfall nicht sofort zur Anzeige gebracht, wie wir es doch tun sollen?«

»Ich weiß es nicht. So einen Vorfall gab es ja noch nie. Ich hatte vielleicht Angst?«

»Was bedeutet Angst?«, fragt die Journalistin gleich hinterher. »Was soll das sein?«

»Ich weiß nicht.« Pia Malowski wirkt erschöpft. Ich sehe ihrem Spiegelbild an, dass sie sich unwohl fühlt und irgendetwas in ihr arbeitet.

Die Journalistin versucht das Gespräch am Leben zu halten. »Und dann sind sie durch die Straßen geirrt, zu dem großen Platz, wo es dann geschehen ist. Sie haben in der Öffentlichkeit gelächelt. Selbstverständlich, wurden sie sofort verhaftet.«

»Ja, so war es.«

Zwei Polizistinnen nähern sich vom Tisch in der Ecke. »Wir müssen Pia Malowski nun wieder mitnehmen. Die Zeit ist rum.«

»Okay, vielen Dank. Ich werde daraus einen warnenden Artikel schreiben: Seit wachsam und meldet jegliche Abweichung!«

Pia Malowski steht auf, die Handschellen fest um das Handgelenk. Ich drehe mich zu ihr um und als sich unsere Blicke treffen, muss ich lächeln. Ihr Blick geht zu Boden. Sie wird abgeführt. Ich schaue ihr hinterher und merke erst nach kurzer Zeit, dass ich lächle. Die anderen Gäste gucken mich entsetzt an, doch ich spüre, dass sich etwas ändern wird. Ich drehe mich zurück zum Tresen, bezahle und verlasse das Café. Ich sehe wie Pia Malowski in das Polizeiauto gebeten wird. Trägt sie auf einmal einen gelben Pullover? Ist der Himmel blau? Ich laufe los.

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